Projekt zur Förderung
junger Literatur

Gerald Lind Lumbers Reise

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. So könnte diese Geschichte beginnen, doch hier schlittert Samuel Lumber auf dem Weg zu einer Konferenz in ein Abenteuer, das seinesgleichen sucht.

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. So könnte diese Geschichte beginnen, doch hier schlittert Samuel Lumber auf dem Weg zu einer Konferenz in ein Abenteuer, das seinesgleichen sucht.
Der Zug hält auf freier Strecke (ein Unglück?), das Kaninchen des Mädchens, das neben ihm sitzt, entwischt (ein Zufall?) und Lumber steigt aus, um das weiße Tier zu suchen (ein Fehler?).
Er gelangt in einen dunklen Wald, erklimmt steile Felsen, sieht Wurzelseppen auf grünen Plateaus, fährt mit einer Märchenbahn durch einen Tunnel und landet im Abgrund seiner Vergangenheit, die selbstverständlich wirr ist und gut vermischt mit Erlebnissen und Erinnerungen. Schließlich trifft er einen Bruder, einen Zwilling, einen Alter Ego (oder doch sich selbst?) und als er dann noch seinen Großvater trifft, der steif und fest behauptet, von einer Bombe zerfetzt worden zu sein (somit hätte es ihn, Lumber, gar nicht gegeben), ist die Verwirrung perfekt.
Man muss wirklich Zeit haben, wirklich entspannt, neugierig und willig sein, dieses Buch zu lesen. Aber dann eröffnet es Welten. Die so oft gestellten Fragen nach Wahrheit und Wichtigkeit, nach Relevanz und Nutzen, nach Zeit und Raum, werden in unkompliziertem Geplänkel, scheinbar zufällig daherkommenden Gedanken und philosophischen Gemeinplätzen erörtert. Nein, nein, Gemeinplätze sind hier in keiner Weise negativ, aber die Wahrheit (oder was für die Wahrheit gehalten wird), die Träume (wer träumt hier wessen Träume?), das Leben (?) und der Tod (wer ist wann tot und wo sind die anderen?) werden hier so banal und doch so tiefsinnig behandelt, mit einer so unglaublichen Leichtigkeit und Nebensächlichkeit, dass man sich nur wundern kann.
Sicher werden einige das Ganze für einen Irrsinn halten, ich halte es für einen kleinen Geniestreich. Die Worte, die Sätze sind so aneinandergereiht, so verschlungen, so verändert wiederholt, dass man ganz von alleine in diesen Strudel gerät, in dem auch Lumber so ganz von alleine geraten ist. Wie kann das alles sein? Was geschieht hier überhaupt und was soll das? Lumber weiß es zunächst wohl nicht, der Leser erst recht nicht, doch beide stolpern, fallen, stürzen, schleichen, trudeln durch diese Geschichte, die phantastischer nicht sein kann. Und das alles für ein weißes Kaninchen. Oder geht es doch um etwas ganz Anderes?
Geht es um leere Worte, um tiefgreifendes Verständnis, um wunderschöne skurrile Landschaften, um Freundschaft unter Gleichen, um Philosophie oder das nackte Überleben, obwohl man keinen Schatten hat? Gönnen Sie sich dieses Abenteuer, lassen Sie sich darauf ein und schwelgen Sie in allem, was wichtig ist. Ein echtes Vergnügen, dass Ihnen ein ständiges Lächeln ins Gesicht zaubern wird!

Gerald Lind: Lumbers Reise, Neofelis Verlag, Hardcover, 274 Seiten, ISBN: 978-3-95808-045-4, 19 Euro

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf der Homepage das generische Maskulinum verwendet. Mit „der Leser“, „der Autor“ und „der Mensch“ sind hier also in jedem Falle Männer und Frauen gemeint.