Projekt zur Förderung
junger Literatur

stern acetat

Mit »Ich will die Scheidung« fängt es an und es endet, wie es nur enden kann, nämlich böse. Sehr böse.

Clara Cobans erster Fall führt sie zu dem, was man gemeinhin – aber hier nicht ganz zutreffend – als »häusliche Gewalt« bezeichnet. Die Ermittlungen führen sie zu Frauen, die Angst haben, weil sie unterdrückt und geschlagen werden. Gewalt ist hier nur das Ende der Geschichte, auf dem Weg dahin liegen Kapitel wie Schuld und Angst, Liebe und Verzeihen, Hoffnung und Ausweglosigkeit.

Aber keine Sorge, das Buch ist kein dramatisches Zeigefingerheben. Die Beteiligten der Wiener Kriminalpolizei werden so anschaulich und facettenreich beschrieben, dass man glaubt, es wären die eigenen Kollegen. Die kleinen Gemeinheiten, das Gerede hinter dem Rücken, die Gerüchte, das alles wird niemandem neu sein, wird aber so sympathisch und humorvoll transportiert, dass man trotz aller Spannung und Schrecklichkeit oft lächeln muss. Claras angeschlagener Gesundheitszustand, die geheimnisvollen französischen Nachbarn, ihre Mittagspausen mit Kollege Aca, der gerade von seinen Hochzeitsvorbereitungen arg gebeutelt wird, ihre Freundin Susanne von der Spurensicherung, die wie Clara selbst so gar nicht auf den Mund gefallen ist – wunderbare Darsteller in einer Geschichte, die zwar grausam ist, aber trotzdem leise, eher eindringlich als schreiend.
Bis Seite 200 tappte ich völlig im Dunkeln, Kompliment an Maria Stern! Dann wird die Auflösung immer deutlicher, aber das Ende ist dann doch nicht so einfach und vor allem nicht zu kurz.

Clara Cobans erster Fall hat mir sehr gut gefallen. Dazu hat sicher auch die österreichische Sprache beigetragen, die in einem für mich genau richtigem Maß eingestreut ist. Da war man im Türstock gestanden, das Stiegenhaus muss angemalt werden und in der Küche stehen Küchenkasten. Sehr gelungen.

Ich kann diese wirklich gute Mischung aus Spannung, Sozialkritik und Menschlichkeit sehr empfehlen. Und ich freue mich auf den zweiten Fall von Clara Coban!

Maria Stern, Acetat – Clara Cobans erster Fall, Verlag Wortreich, 2016, Hardcover, 280 Seiten, ISBN 978-3-903091-17-7, 19,90 Euro (auch als E-Book erhältlich für 9,90 Euro, ISBN 978-3-903091-20-7)

 

 

 

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