Projekt zur Förderung
junger Literatur

tanizaki der schlussel

Eigentlich beginnt es ganz harmlos, das Tagebuch eines japanischen Ehemanns, der beschließt, nun ganz offen zu schreiben. Auch und gerade über ein Thema, das er bisher aus Rücksicht zu seiner Frau (von der er glaubt, dass sie seine Einträge liest) ausgeklammert hat: sein Liebesleben mit ihr und seine (unbefriedigten) Bedürfnisse im Bett.

Nach einigen Seiten wechselt Schriftbild und Perspektive: sie, die japanische Ehefrau - konservativ erzogen und äußerst genant im Bett - beschließt, Tagebuch zu führen, aber so, dass ihr Ehemann es auf keinen Fall mitbekommt ... oder vielleicht doch?

Ein kokettes Spiel und eine Konstellation, die es in sich hat. Im Laufe der Handlung zerfleischt sich das Paar auf ganz subtile, intrigante Weise, getrieben durch die Einträge im Tagebuch des jeweils anderen.
Junichiro Tanizaki gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller Japans des vergangen Jahrhunderts, und Der Schlüssel ist keineswegs eine Neuentdeckung aus seinem Nachlass. Zum ersten Mal erschien der Roman 1956 und löste in Japan eine Pornografiedebatte aus, das Buch stand kurz davor, verboten zu werden. Später wurde es in viele Sprachen übersetzt und bisher ist Der Schlüssel vier Mal verfilmt worden. Zuletzt 1983 von Tinto Brass, der die Handlung nach Venedig verlegte.
Was damals einen Skandal auslöste, liest sich heute fast sittsam und doch immer noch prekär genug, denn man kann sich durchaus vorstellen, was da gerade passiert.
Ein schönes Beispiel, dass auch in Deutschland eine ähnliche Haltung zum Sex wie in Japan existierte, geben die Zeilen von 1961 im Spiegel zur damaligen Neuerscheinung des Buchs wieder: „Schließlich trifft ihn, von der inzwischen enthemmten Gattin böse überfordert, der Schlag. So illustriert der teils unappetitliche, teils unfreiwillig komische Roman des 75jährigen Japaners Tanizaki am Ende hauptsächlich die alte Volksweisheit, daß allzuviel ungesund ist.“
Der Schlüssel liegt in einer Neuübersetzung von Katja Cassing und Jürgen Stalph vor und nach den Beispielen der bisherigen Übersetzungen, die im Nachwort gegeben werden, war das auch bitter nötig.
Bisher habe ich ältere, japanische Literatur immer gemieden, sie war mir zu unverständlich und die Schreibwiese zu verschwurbelt. Nach Lektüre dieses Romans frage ich mich allerdings, ob mein Eindruck zum Teil nicht durch fehlerhafte Übersetzungen zustande gekommen ist, denn die Beispiele im Nachwort haben genau das, was mich beim Lesen müde macht: Verklausulierungen, umständliche Formulierungen, die am Ziel vorbei gehen. Doch wie gerade und klar die Sprache Tanizakis eigentlich ist, sieht man am vorliegenden Büchlein.
Eine wunderbare, kurzweilige Geschichte über ein Ehepaar, das sich gegenseitig im Bett zerfleischt (im übertragenen Sinne). Der erotische Tagebuchroman-Klassiker Japans in neuer Übersetzung, wie es auf dem Umschlag zu lesen steht.

Der Schlüssel von Junichiro Tanizaki, aus dem Japanischen von Katja Cassing und Jürgen Stalph, 208 Seiten, ISBN 978-3-944751-13-9, 22,00 €, Cass-Verlag

 

 

 

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf der Homepage das generische Maskulinum verwendet. Mit „der Leser“, „der Autor“ und „der Mensch“ sind hier also in jedem Falle Männer und Frauen gemeint.