Projekt zur Förderung
junger Literatur

karin peschka autolyse wien

Erzählungen vom Ende – der Untertitel ist Programm. Kurze Texte von zwei bis sechs Seiten, eingeteilt in drei Abschnitte, jeweils eingeleitet durch (wortlose und sehr passende) Grafiken, die auf Originalen von Otto Stocker basieren.

Der erste Abschnitt beschreibt individuelle Reaktionen auf eine nicht näher benannte Katastrophe, die Wien zerstört hat. Da ist Einer ohne Namen. Die schwangere Olja, die am improvisierten Grabkreuz ihrer Freundin Hoffnung schöpft. Die Schauspielerin Sugar, die ihre Bühnenillusion pflegt. Sebastian, der Alkoholiker mit Suizidabsicht, der zwangsweise trocken wird. Dora hat sich auf einem ehemaligen Flakturm eingerichtet und Margot richtet zwanghaft alles Umgekippte auf, das sich aufrichten lässt.
Anfangs dachte ich, die vielen Einzelspuren werden sich irgendwann kreuzen, vielleicht gar zusammenschließen gegen das Chaos. Doch es sind und bleiben Einzelgänger, die (teilweise zu mehreren) unterwegs sind in einer unbegreiflichen, endgültigen und keine Fragen zulassenden Endzeit. Nur sehr sparsam hört einer Rumoren von unten, Rufe von oben, einen Einkaufswagen auf Kies, einen schreienden Verrückten. Angedeutete Lebenszeichen, die nicht zu Kontakten führen, sondern im Gegenteil ein Grund mehr sind, sich zu verstecken.
Im zweiten Abschnitt kämpft ICH sich durch und gegen das Chaos, alte Klischees liegen im Widerstreit mit den Anforderungen der Gegenwart, in der die Vorbereitung der Selbstauflösung – der Autolyse – zur alles beherrschenden Aufgabe wird.
Im Abschnitt WIENER KINDL lernt ein an und für sich lebensuntaugliches – behindertes? – Kind, sich in der zerstörten Welt zu behaupten. Alles, was die Eltern investiert haben und nie einen Widerhall fand, war dennoch gespeichert und wird nun zur Basis für das Überleben. (Übrigens: Mit diesem Text hat Karin Peschka beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2017 den Publikumspreis gewonnen.)
Karin Peschkas detailreiche Erzählungen in ihrem typisch knappen Stil mit treffenden Bildern und unverbrauchten Metaphern haben mich in ihren Bann gezogen. Einerseits war es die Vielfalt der Reaktionen auf ein und dieselbe Katastrophe, andererseits die Selbstverständlichkeit, mit der sie noch die absurdeste Idee oder Aktion oder Reflexion schildert und jedem Individuum seine ureigenste Welt zu-schreibt.
Karin Peschka, Autolyse Wien – Erzählungen vom Ende, 180 S., Otto Müller Verlag, ISBN 978-3-7013-1253-5, € 20,--

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf der Homepage das generische Maskulinum verwendet. Mit „der Leser“, „der Autor“ und „der Mensch“ sind hier also in jedem Falle Männer und Frauen gemeint.