Projekt zur Förderung
junger Literatur

dragosits weisse kreide.docx

In Schrumpffolie eingeschweißt kam das kleine Buch auf meinen Schreibtisch und diese erste Hürde hatte es in sich, schließlich will man weder Kratzer noch Beulen ins Buch machen mit Scheren, Messern oder Brieföffnern ...

„Lyrik der Gegenwart“ mit einer Hochzahl 67 lautet der Untertitel. Das regt schon mal zum Denken an, das mag ich ja. Nein, es sind keine 67 Gedichte in dem Buch, es ist der 67. Band von „Lyrik der Gegenwart“ der Edition Art Science aus dem österreichischen St. Wolfgang.


Lyrik der Gegenwart. Und das mir, wo ich so gerne dicke Bücher lese, in denen ich stundenlang Menschen und Handlungen, Träumen und Gedanken folgen kann. Nun denn, frisch ans Werk und losgeblättert.


Und auf Seite 12 hat der Mann mich am Schlafittchen:
wir werden
nicht die Welt verändern
ihr Einfluss
ist größer

trotzdem
fülle ich jeden zweiten Tag
Widerstandspaste
in die Lücke
aufgeworfener Möglichkeiten
und sage
hier
bin ich


Selbstverständlich ist Literatur auch immer Geschmacksache. Bei Gedichten kommt „erschwerend“ dazu, dass kein Leser dasselbe Hintergrundwissen, dieselben Erfahrungen, dieselben Gefühle hat wie die, die der Autor beim Schreiben hatte. Manche Texte sind deshalb bei mir nicht dorthin gekommen, wo sie vielleicht hätten hinkommen sollen (in mein Hirn, in mein Herz...), andere wiederum haben sofort getroffen.


Ich kenne Münchhausen und habe wahrscheinlich mehr als nur zwei Schutzengel. Dragosits Dämonen auf Seite 16 haben mich zum Lachen gebracht (falls das nicht erwünscht ist, entschuldige ich mich – aber so bin ich). In Woodstock war ich (leider?) nicht dabei und auch ich freue mich immer, wenn das Buffet eröffnet wird.


Das, was ich über Kraft, Erschöpfung und die Traurigkeit, die humorlos den Raum betritt (ha!) lese, gefällt mir!


Martin Dragosits, Weisse Kreide – Lyrik der Gegenwart 67, Edition Art Science, 2017, Paperback, ISBN 978-3-902864-69-7, 15 Euro

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf der Homepage das generische Maskulinum verwendet. Mit „der Leser“, „der Autor“ und „der Mensch“ sind hier also in jedem Falle Männer und Frauen gemeint.