Projekt zur Förderung
junger Literatur

sinha menschtier

Es gibt wenig Bücher, bei denen mir die Gänsehaut über die Arme läuft, noch weniger, bei denen mir das Wasser in den Augen tritt. Billige Tricks! Auf solche Geschichten kann ich gut verzichten.

Aber dieses Buch – das ist nicht billig, es ist einfach nur Wahnsinn und kein bisschen kitschig.
Es geht um »Animal«, das Menschentier aus der fiktiven, indischen Stadt Khaufpur. Bis zu seinem neunzehnten Lebensjahr war Animal ein ganz normaler Junge, doch dann baut die dort ansässige Fabrik – angeblich stellen sie Düngemittel her – Mist und eine riesige Giftgaswolke treibt über der Stadt. Viele sterben, die, die überleben, haben einen körperlichen Defekt. Bei Animal ist es das Rückgrat, es ist nach der Katastrophe so verdreht, dass er nicht mehr aufrecht gehen kann.
Fortan bewegt er sich auf allen Vieren vorwärts.
Kein Mitleid! Der Junge hat einen gesunden Pragmatismus und Wehleidigkeit geht ihm völlig ab. Er nimmt das Leben wie es ist.
Ich gebe zu: ich habe das Buch irgendwann weggelegt (und es später zu Ende gelesen), weil es mir einfach zu schlimm war. Aber das lag nicht am Schreibstil oder an Animal. Der lebt das Leben aus seiner »Hundeperspektive«:
»Die Welt der Menschen ist dafür gemacht, in Augenhöhe betrachtet zu werden. Deiner Augen. Hebe ich den Kopf, starre ich jemand auf den Schritt. Ist eine ganz andere Welt, so da unten. Glaub mir, ich weiß, wer sich die Eier nicht gewaschen hat, ich kann verpißte Zwickel und verschissene Hinterteile riechen, deren Gestank nicht bis zu deiner Nase dringt, Fürze riechen besonders übel. In meinen Wahnsinnsanfällen brülle ich Leute auf der Straße an, „He, egal, wie scheiße es euch geht, und keiner ist so glücklich, wie er eigentlich sein sollte - ihr steht wenigstens auf zwei Beinen!«
Keine Sorge. Alles wird rechtzeitig erklärt werden. Ich bin nicht so klug wie du. Ich kann nicht aus jedem Wort leckere Fleischbällchen drehen. Es werden nicht urplötzlich blaue Eisvögel aus meinem Mund fliegen. Wenn du meine Geschichte hören willst, mußt du meine Art zu erzählen ertragen.«

Vielleicht ist es genau diese Haltung (im doppelten Sinne), warum mir die Erzählung unter die Haut gegangen ist. Oder auch der wahre Hintergrund – die Gas-Katastrophe von Bhopal, 1984, bei der tausende Menschen starben. Wie steht es in Wikipedia so schön: ... traten aufgrund menschlicher Fehler und auf menschliche Fehler zurückzuführender Fehler in der technischen Ausrüstung mehrere Tonnen giftiger Stoffe in die Atmosphäre. Es war die bisher schlimmste Chemiekatastrophe und eine der bekanntesten Umweltkatastrophen der Geschichte.
Menschentier erzählt von Animal, seinen Freunden, Feinden, Helden, von der durchgeknallten Ma – eine französischen Nonne, die nicht zurück ins Kloster geht, weil man sie dort zurück nach Frankreich ins Altersheim schicken will – und einer ganzen Stadt, die um eine Entschädigung von der ausländischen »Kampani« kämpft.
Erzählt von Animal, auf den 23 Kassetten eines „Schurnalissn«, der sie ihm zusammen mit einem Aufnahmegerät irgendwann gegeben hat. Die Geschichte pendelt zwischen Komödie und Tragödie. Wie gut, denn würde sie das nicht tun, wärs nicht zu ertragen. Wohlgemerkt: Das Ganze ist kein Tränendrüsenbuch – es spricht über Menschlichkeit, Mut und Durchhaltevermögen. Und das mit viel Realismus zwischen den Zeilen, ohne dabei in Fatalismus oder ins Pathetische abzugleiten. Mit einfachen Worten, in einer einfachen Sprache. Es wird geschildert, was ist, von einem Jungen, der die Welt von unten sieht.
Indra Sinha, der Autor, ist 1950 in Bombay geboren und so kann man davon ausgehen, dass er weiß, wovon er schreibt, auch wenn er heute mit seiner Familie in Südfrankreich lebt.
Das Buch ist von 2007, aber das bedeutet nicht, dass es von seiner Aktualität auch nur ein Staubkorn eingebüßt hätte.
Indra Sinha, Menschentier, 510 Seiten, 17,95 Euro, Büchergilde Gutenberg, ISBN 978-3-7632-6442-1

 

Stürzen wir uns also hinein in die langen Wortschlangen, die uns von ihr und ihm erzählen, ganz anders als in allen anderen Büchern, die ich je gelesen habe.

Sie hat eine unschöne, unliebsame, verletzende Vergangenheit und eine Schwester, die sie immer daran erinnert. Sie trifft ihn, der nach Jasmin und Kirschtabak riecht. Er ist Präparator (und Maler) und arbeitet in einem kleinen Laden, in dem es nach Moder und Chemie riecht. Es wimmelt von toten Tieren, von Schatten, von Geheimnissen und in dieser Kulisse spielt ein wichtiger Teil der Handlungen.

Sie schleichen umeinander herum, fühlen sich voneinander angezogen und zögern doch. Sie warten, beobachten, geben ihren Gefühlen freien Lauf, erschrecken, sehnen. Sie teilen eine Dunkelheit, die Geborgenheit schenkt.

Isabella Feimer schreibt eine Geschichte über Gefangensein in Dunkelheit, in Stille, in Nächten der Erinnerung. Es gelingt ihr, zwei Seiten einer Geschichte so unauffällig zu verknüpfen, dass man beim Lesen nicht mal umschalten muss. Wie von selbst fügt sich das, was einer sagt und einer denkt zusammen. Oder was einer sagt und was ein anderer sagt. Selbstgespräche, Rückblicke, alles so leicht ineinandergeflochten, dass man wie ferngesteuert in Gedanken mit verteilten Rollen lesen kann.

Diese feinsinnig erzählte Geschichte ist ein dunkles Gebilde, was nicht heißen soll, dass man beim Lesen nicht auch mal ins Fliegen kommen kann. Die Autorin jongliert mit Satzbau und Sprache und bestimmt so geschickt das Lesetempo. Manchmal dachte ich, mir geht gleich die Luft aus (obwohl ich mich nicht gehetzt fühlte) und dann gab es auch wieder Atempausen, da konnte ich das Buch dann ruhig für den nächsten Tag aus der Hand legen. Geschickt!

Ein sehr, sehr außergewöhnliches Lesevergnügen von knapp 250 kleinen Seiten im handlichen Format. Wer sich gerne auf eine besondere Reise geben möchte, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf der Homepage das generische Maskulinum verwendet. Mit „der Leser“, „der Autor“ und „der Mensch“ sind hier also in jedem Falle Männer und Frauen gemeint.